Menschen schweben, Dinge verschwinden

Astor - eine Zauberlegende aus Wuppertal

 

"Ich werde Euch entführen in eine Traumwelt. Es ist nicht die Realität, aber sie ist schön", dies sind die Worte, mit denen der Zauberer Astor seine Shows eröffnet. Logik, Schwerkraft, Vernunft - Gesetzmäßigkeiten der wirklichen Welt sind aufgehoben, wenn der Zauberer auf der Bühne Menschen schweben und Dinge verschwinden lässt.

 

  • Über 150 Jahre Industriegeschichte, Altbewährtes neben Neuerungen: die Wirtschaftsregion Bergische Großstädte hat einiges zu bieten. So lohnt es sich, auf viele Gegebenheiten auch einmal einen längeren Blick zu werfen, Portraitiert hinter die Kulissen zu sehen, Verborgenes ans Licht zu holen oder Typisches zu hinterfragen. Portraitiert werden Einrichtungen, Institutionen und Persönlichkeiten, die den Kammerbezirk prägen und von ihm geprägt werden.

 

Astor MarikaSeit 30 Jahren wohnt Astor in der Nähe des Wuppertaler Hauptbahnhofs, "eine Räuberhöhle", die vollgestopft ist mit Requisiten und "der größten Zaubereifachbibliothek Mitteleuropas", wie er sagt. Wer ihm dort auf der Straße begegnet oder im Supermarkt, würde den korrekt gekleideten älteren Herrn niemals für einen berühmten Magier halten, der zersägte Damen und verschwundene Tauben auf dem Gewissen hat. Öffnet Astor sein kleines Metallköfferchen, sind darin jedoch keine Akten, sondern 32 Spielkarten, die ihm vollkommen ausreichen, um Menschen an Verstand und Brillenschärfe zweifeln zu lassen. Horden von Kaninchen hat er aus dem Zylinder gezaubert, die Gedanken von Generationen gelesen. Er hat Bücher geschrieben und Seminare gehalten über die Zauberei. Nachwuchskünstler können sogar ein Zauberdiplom bei ihm erwerben. Dass er 76 Jahre alt ist und damit einer der ältesten Vertreter der Zauberzunft, lässt lediglich sein Spazierstock mit dem silbernen Knauf erahnen. Wenn Astor erzählt, von der kleinen Stadt in Ungarn, wo er geboren ist, von Rosika, seiner heimlichen Liebe und von der Magie, zaubert er auch mit Worten. Nur ein einziges Zauberbuch habe es damals gegeben und der Vater, der aus dem Jungen einen ordentlichen Chirurg machen wollte, kaufte es nicht. Wie gut, dass Rosika in einem Kiosk arbeitete, und dem verliebten 14jährigen alles aus den Zeitschriften herausriss, was mit Zauberei zu tun hatte. Vor dem großen Schlafzimmerspiegel übte er die Tricks und bastelte die Requisiten nach. Der Vater jedoch verbrannte Zylinder, Tücher und Karten und schickte den Sohn nach Budapest - dort sollte er Medizin studieren. Als es an der Universität daran ging, Leichen zu öffnen, ergriff der Student für immer die Flucht. Im Theater und im Opernhaus verdingte er sich als Statist und begann professioAstor Zauberlehrlingnell/ zu zaubern. Seinen bürgerlichen Namen legte er ab. Astor betrat die Bühne: "Ich habe in Budapest neben dem Hotel Astoria gewohnt. Eines Abends bin ich nach Hause gekommen und die letzten zwei Buchstaben der Lichtreklame brannten nicht. Ich wusste sofort. Das ist es." Verkauf der schönen Illusion Die Zeit war günstig für jemanden wie Astor; der schöne Illusionen an die Menschen verkaufte. Der zweite Weltkrieg warf seine Schatten über Ungarn und das Geschäft mit der Magie brummte. Wer sich Vergnügungen leisten konnte, der tat es, koste es was es wolle. "Ich weiß nicht, ob ich morgen noch lebe, also tue ich es heute", sagte sich das Publikum, das in die Nachtclubs und Varietés strömte, in denen Astor engagiert war. Die Realität holte den Illusionskünstler ein und machte aus dem Zauberer einen Soldaten. 1945 geriet er in ein russisches Vernichtungslager. Von dort konnte er fliehen, doch er und auch seine Familie hatte im Krieg fast alles verloren. Astors vorausschauende Mutter war es, die seinen Frack über die Kriegswirren rettete. So konnte er auftreten und übte sich darin, "mit kleinen Sachen Wunder zu machen". Der Erfolg war groß und auch die Wunder wurden größer. Schon bald nannte Astor einen Eisenbahnwaggon voll Requisiten sein eigen und beschäftigte 30 Mann Personal- "die größte Illusionsschau Ungarns". Skandalös die Nummer; bei der er sich vom Publikum unter einer Guillotine anketten ließ, die an eine Zeitschaltung gekoppelt war. Wenn Astor sich bei tickender Uhr entfesselte, " fielen die Zuschauer in den vorderen Reihen in Ohnmacht", erinnert sich der Zauberer.

 

  • Maschinengewehr statt Zauberstab

Diesmal waren es die politischen Wirklichkeiten des Kommunismus, die Ruhm und Glanz der Illusionsschau zerstörten. Das Plansoll ließ sich nicht aus dem Hut zaubern, die Ideologie verlangte Aufbau deAstor Witzs Systems und keine Architekten von Luftschlössern. Astor musste sein Personal entlassen, die Bühnenshow wurde verstaatlicht. So zog der Magier nur noch mit zwei Koffern voller Zauberutensilien und einer Varieté Nummer um die Welt. Erst als er die Möglichkeit einer Befreiung von der roten Armee sah, kehrte er wieder zurück. Als 1956 die Ungarn gegen das Diktat der Sowjets aufbegehrten, tauschte Astor freiwillig seinen Zauberstab gegen ein Maschinengewehr. Die Reformen, die die Rebellen durchsetzen konnten, änderten auf lange Sicht jedoch kaum etwas. Astor entschloss sich, mit seiner dritten Frau, einer Filmschauspielerin, nach Deutschland zu gehen. Dort hatte er sich schon 1941 als junger Zauberer im Berliner Wintergarten Varieté einen Namen gemacht, von dem er noch mehr als zwanzig Jahre später profitierte. "Wer dort aufgetreten war; war ein gemachter Mann, ich war sofort auf .. zwei Jahre ausgebucht", erzählt er. Die ständig wechselnden Engagements bedeuteten jedoch auch, dass Astor ständig unterwegs war; eine Zerreißprobe für die junge Künstlerehe. Zum dritten Mal wollte Astor seine Beziehung nicht dem Vagabundenleben opfern. Als seine Frau schwanger wurde entschied er: "Ich muss

sesshaft werden". Mit Frau, Kind und über 4500 Zauberbüchern zog Astor 1969 nach Wuppertal, wo der Magier seine verschollen geglaubte Schwester wiedergefunden hatte.

 

  • Märchenwelt der mystischen Legenden

Astor SchwebeWas macht ein Zauberer; der nicht mehr herumreisen kann? Astor besann ...sondern hat sich Witz und Fingerfertigkeit bewahrt...

sich auf seinen Erfindungsreichtum, den er schon als Junge beim Bau von Zauberartikeln an den Tag gelegt hatte, und eröffnete einen Zaubereifachversand.

Dort können Magier auch heute noch Artikel und genaue Anleitungen bestellen, wie man einer Dame durch den Bauch schießt, mit verbundenen Augen Auto fährt, geheime Gedanken liest oder spektakuläre Wunderheilungen vollführt. "Genau passend zu unserer Zeit, die - enttäuscht durch zu viel geistlose RealiAstor Kartetät - sich in die Märchenwelt der mystischen Legenden flüchtet", schreibt Astor in seinem Katalog. Er selbst spielt mit der Faszination am Unerklärlichen, Übersinnlichen, ohne ihr Verfallen zu sein. "Ich bin ein Wahrheitsfanatiker, ein Skeptiker. Ich glaube nicht, dass etwas nicht erklärbar ist". Noch in Budapest hat Astor Psychologie studiert und arbeitete kurz als Gastdozent der angewandten Psychologie an der Technischen Akademie in Wuppertal. "Ich kann die Zuschauer lenken, Zauberei ist angewandte Psychologie", sagt er, "seit 25 Jahren habe ich keinen Trick gesehen, den ich mir nicht erklären könnte“.“ Der Zauberer ist ein Schauspieler; der die Rolle eines Zauberers spielt", zitiert er Robert Houdin, den" Vater der modernen Zauberei". Die Magie auf der Bühne liegt in der Hand des Zauberers, nicht in immer aufsehenerregenderen Tricks, immer imposanteren Shows. Bei modernen Showstars wie David Copperfield oder Siegfried & Roy vermisst Astor die spürbare Atmosphäre hinter der bombastischen Inszenierung. Sein Vorbild ist die Zauberlegende der 30er Jahre, Horace Goldin: " Wir kamen aus dem Theater; und es lag Zauber in der Luft". Text und Fotos Kerstin Meier

 

  • Magischer Zirkel Wuppertal

Einmal im Monat trifft sich in Wuppertal der Magische Zirkel. Dabei handelt es sich nicht um konspirative Sitzungen oder spirituelle Rituale, sondern um ein Treffen unbescholtener Hobbyzauberer. Im Berufsleben Beamte, Handwerker; Kaufleute oder Generaldirektor; lassen sie in ihrer Freizeit das Kaninchen aus dem Hut. Der Zirkel wurde bereits 1958 gegründet, Ende der 60er Jahre erlebte er allerdings eine Flaute. Als mit Astor eine Zauberkoryphäe in die Stadt kam, stiegen die Mitgliedszahlen sprunghaft an. "Manche anderen Zauberzirkel sind neidisch, weil es hier in Wuppertal einen Profi gibt", freut er sich. Astor ist heute Ehrenmitglied des Magischen Zirkels und mehrerer anderer magischer Vereinigungen. Wer mitzaubern will, kann drei Mal probeweise die Sitzungen besuchen, danach muss er eine Prüfung ablegen, auf die er jedoch vorbereitet wird. Kontakt zum Magischen Zirkel kann man im Internet unter http: //members.aol.com/mzwpt oder auf den Wuppertaler Lokalseiten (http//www.lokalseiten.de) unter der Rubrik "Vereine" aufnehmen.

Text und Fotos Kerstin Meier Bergische Wirtschaft 2/99