Die Schwarze Kunst des Magischen Zirkels

 

Hans-Hermann Wahl kann sich das Lachen nur schwer verbeißen, als er aus der abgewetzten Zauberfibel von 1834 vorliest: "Köpfe einer Natterbrut, dann die Lippen hundert Wilder, die an einem Essen Ihre Feinde dutzendweise gefressen ... " Das taschenbibelgroße graue Büchlein mag für den Bibliothekar eine Kostbarkeit sein, für Wahl alias Mr. Funny Face (Herr Spaßgesicht)  Ist es In erster Linie kurioses Zeugnis einer Zelt, In der man das Unheimliche noch nicht von trickreich gemachter Unterhaltung zu scheiden wußte. Mr. Funny Face aber muß es wissen - Immerhin Ist er Vorsltzender des Magischen Zirkel Wuppertal.

Henry 2Die, Magier, Zauberer, Illusionisten - wie Immer man will: Wenn sie auch nicht mehr mit der sturen Behauptung zu kämpfen haben, dass es bei ihren Spielereien nicht mit rechten Dingen zugehe, so werden sie trotzdem noch mit Okkultisten, Spiritisten, Teufesanbetern in eine anstößige Schublade gesteckt. ,Wir machen reine Unterhaltung', erläutert Mr. Funny Face den wunden Punkt und sieht dabei durchaus geschäftsmäßig aus, ganz der Zauberfunktionär, der die schwarze Schafe der Branche anprangert. Und über die Ehrbarkeit dieser Branche von Amateur- und Profimagiern wacht unerbittlich der strenge Sittencodes, dem sich die 1430 Mitglieder - 63 davon weiblich - des Magischen Zirkels verpflichtet haben, Verse wie der obige sind im Zirkel weniger gefragt als ein handfestes Grundwissen im Bereich der ,angewandten Tricktechnik und Wahrnehmungstäuschung'  Titel .von Aufsätzen in Fachzeitschriften fördern den Eindruck, dass man es hier eher mit Betreibern einer exotischen Orchideenwissenschaft als mit Unterhaltungskünstlern zu tun hat: Die undurchsichtige Materie erstreckt sich von der .Kollektiv-Telepathie' bis zur .Hand voll Luft - neues physikochemisches Trickprinzip" . Der Bundesvorsitzende ist' vielleicht nicht umsonst Computerspezialist. so rekrutiert sich auch die 15köpfige Wuppertaler Gruppe aus ehrenwerten Herrschaften, die den Spaß mit der Zauberei durchaus ernst nehmen. Kriminaltechniker, Handelsvertreter sind darunter, ein Exilungar versorgt .dle ,Truppe ab Lager mit den notwendigen Utensilien, eine Diplompsychologin, die einzige Frau im Team, mag bei Auftritten die ungläubigen Minen der Zuschauer analysieren. Denn trotz aller' Logik, die hinter dem bunten Blendwerk der Zauberei steckt - so ganz geheuer kann. es doch nicht sein, was Meister Wahl da auf dem Wohnzimmertisch vorexerziert, während draußen der Novemberregen tröpfelt. Eine Münze verschwindet in einem gelb-schwarzen Kästchen mit Sparbüchsenschlitz Zauberzubehörhandel zirka zehn Mark - und taucht wieder auf, sobald man es nicht erwartet, verschwindet wiederum, sobald man es genauswenig erwartet, Spielkarten "wir nehmen Pokerkarten, die gleiten am besten" - wechseln ihre Farbe, ohne das Funny Face sie berührt, ausgetauscht oder mit· einer obskuren Chemikalie 'eingesprüht hätte - das alles untermalt von einem Wortsalat, der jedem fliegenden Händler Ehre machen könnte. Der Gast staunt, lauscht, gafft; Mrs. Funny Face, die sich von ihrem Mann schon mal mit Säbeln durchbohren lassen muss, liest derweil unbeeindruckt in Hildegard Knefs "Geschenktem Gaul". Die Tricks, die ihr Mann während dessen vorführt, zählen wahrscheinlich zum Elementaren, das er in Sommerkursen des Jugendherbergsverbands ·an junge Zauberlehrlinge weitergibt. In etwa 50 Prozent der Fälle überdauert das Interesse an der Zauberei den Sommer. Ansonsten aber ist die schnelllebige Zeit wohl nicht die optimale Bühne für die etwas, altmodische Kunst der Zauberei, die einen konzentrierten Zuschauer verlangt. Für eine Zauberrevue vor einigen Wochen in der Stadthalle hätte sich der Zirkel, so Mr. Funny Face mit etwas besinnlicher Mine, •.ein paar Zuschauer mehr" gewünscht. Der Fernsehkonsum  lasse die Leute eben die Qualität von hautnah erlebter Unterhaltung unterschätzen. Ein ständiges Podium der schwarzen Kunst im Stil der großen alten Varietés gebe es in Wuppertal ohnehin nicht. Zwar habe Wahl einmal in einem Barmer Nachtclub einen Kollegen auftreten sehen, doch die Show vor leeren Tischen, einigen Betrunkenen und Bardamen sei reichlich deprimierend gewesen. Fazit: "Es ist ungeheuer schwer, von der Zauberei zu leben" Daher ist er froh, daß sich die 'Familie nicht von den Kartentricks und zersägten Jungfrauen des Mr. Funny Face, sondern vom Verkaufsgeschick des Lebensmittel Vertreters Hans-Hermann Wahl ernährt. Unvorsichtige aber kann schon das bloße Hobby in den Ruin treiben: Auf "Verletzung der Schweigepflicht", sprich Ausplauderei von geheiligten Tricks, setzt der Zirkel Strafen "bis zu 3000 Mark".