Angewandte Psychologie eines 82-jährigen Magiers

Der ungarische Zauberer Astor hat in

Wuppertal seine zweite Heimat gefunden.

Hier fand er 1969 auch seine verschollene Schwester wieder.

Von Annette Lübbers

 

Zauberkunst ist angewandte Psychologie, sagt der 82-Jährige. der sich geheimnisvoll Astor nennt und dessen wirklichen Namen nur gute Freunde kennen. seit 1965 lebt und zaubert der studierte Psychologe aus dem ungarischen Städtchen Ungvar in Deutschland.

Dass der kleine Mann mit dem Spazierstock noch Immer täglich sechs Stunden vor dem Computer sitzen kann, verdankt der mit einem Herzfehler zur Welt gekommene Ungar eigentlich einem Wunder. Mit 15 Jahren erkrankt Astor an Malaria. Zwei Jahre lang nimmt er täglich eine ganze Handvoll Chinin-Tabletten zu sich. Als er 17 Jahre ist, geben ihm die Ärzte noch ganze zwei Jahre zu leben. Diese Diagnose die sich sichtlich nicht bewahrheiten sollte· wird zu einer Art Startschuss ins Leben. Ich wollte lieber sechs Monate richtig leben, als mich zwei Jahre zu quälen. Der junge Mann soll nach Ansieht des Vaters nach Budapest gehen und Chirurg werden. Astor interessiert sich allerdings weniger für den Körper als für die Seele des Menschen. Also belegt er Psychologie. Nebenbei arbeitet er als Journalist, als Statist beim Theater und als Zauberer. Der Magier Kunst halle er sieh schon als kleiner Junge verschrieben. Bereits 1941 steht er als 19·Jähriger Im "Wintergarten" In Berlin als Magier auf der Bühne. Das war damals die Adresse. Wer dort auf der Bühne stand, hatte es geschafft", erzählt Astor.

Sein Herzfehler schützt ihn nicht vor dem Militär. Als Abiturient wird er 1944 zwangsweise für die Armee des mit Hitler verbündeten Horthy-Regimes gemustert. Trotzdem gilt er im kommunistischen Ungarn nach dem Krieg als Offizier der faschistischen Armee. Am 21. Mai 1945 flüchtet er - bevor die Sowjets Ihn als Kriegsgefangenen nach Sibirien schicken können. Nach dem Krieg lebt er zu- Für dieses Land würde ich mein nächst in Debrecen, bevor er Leben geben~, sAstoragt der Magier in nach Budapest zieht, um dort tiefer Dankbarkeit. 1969 findet er hauptberuf1lch als Zauberkünstler zu arbeiten. In einer Zeit der es keine Fernseher gibt und Kinos selten sind, ist jemand wie Astor ein gefragter Mann. In seinen besten Zeilen arbeiten 30 Leute für Ihn. Für den Staat gilt der Betreiber einer Revue allerdings als "Ausbeuter": "Dreimal haben die Ungarn meine Bühnen verstaatlicht'", erzählt der Magier rückblickend.

1965 hat er genug von staatlicher Willkür. Mit seiner dritten Frau und einem Reisepass, auf dem deutlich zu lesen steht. Nur für den Ostblock", macht er sieh auf nach Deutschland. "Die Grenzer haben mich und meine Frau mit diesem nicht eingeschränkten Pass durchgelassen. Die geschickten Finger eines Zauberers und den passenden Befehlston darauf fallen alle Beamten der Welt herein sagt der ältere Herr mit einem verschmitzten Lächeln.

ln Köln findet der Ungar zum ersten mal freie Arbeitsmöglichkeiten. Zu verdanken hat er das seiner deutschstämmigen Mutter die er bis heute verehrt. Im Herzen bin ich ein Ungar, aber Deutschland hat mir ein Leben in Freiheit ermöglicht. Für dieses Land würde ich mein Leben Geben, sagt der Magier in Dankbarkeit. 1969 findet er über das Rote Kreuz seine im Krieg verschollene Schwester in Wuppertal wieder. In den folgenden Jahren wird die bergische Stadt zu seiner zweiten Heimat. Trotz gesundheitlicher Probleme zieht es den Meister der Zauberkunst weiter auf die Bühne. Nebenbei unterweist er Nachwuchskünstler, in Internet-Kursen, schreibt Fachartikel für wissenschaftliche Magazine und Bücher. Ohne Arbeit kann er nicht in doppelter Hinsicht. Der Mann, der angibt, neun Sprachen zu sprechen, bekommt keinerlei Rente. Zu viele Varieté-Besitzer haben seine Sozialabgaben zwar ein· einbehalten - aber nicht eingzahlt. In sein persönliches Reich angefüllt mit acht Computern und etwa 5000 Büchern, lässt astor nur Wirklich gute Freunde eintreten. Das „kreative Chaos“ das in seiner Wohnung herrscht, sei eine Art späte „Rache“ an seinem pedantischen Vater.